Sonntag, 11. November 2018


Navi-Tussi
Wenn ich vor Jahren, als ich noch kein 'Navi' hatte, mit dem Auto irgendwohin fahren wollte, habe ich vorher in den Straßenatlas geschaut und habe mir eingeprägt, wie ich fahren musste, um ans Ziel zu kommen. Bei komplizierten Strecken notierte ich mir die Strecke stichpunktartig.  Kompliziert wurde es dann eigentlich immer erst am Schluss, wenn es darum ging, die richtige Straße in dem fremden Ort zu finden. Je größer der Ort, desto schwieriger!
Natürlich konnte man sich über die speziellen Stadtpläne genau informieren, wie man fahren könnte, aber wenn man alleine unterwegs war und gleichzeitig mit dem Stadtplan kämpfen musste, stieg die Unfallgefahr um  mindestens 300 Prozent auf der nach oben offenen Auffahr-Skala.
Wenn ich mit meiner Gudsten als Beifahrer unterwegs war, wurde es aber nicht besser. Zwar konnte sie den Stadtplan mit beiden Händen halten und mit langen Blicken hineinschauen, da sie ja nicht lenken musste, aber wenn eben nicht mehr herauskam, als solche Erkenntnisse wie - "Du hättest, glaube ich, an der vorigen Ampel nach links gemusst." - oder - "Jetzt sind wir entgegen der Einbahnstraße." - dann war das wenig hilfreich.
In der Konsequenz dieser Problematik vermied ich es möglichst, in fremde Städte hineinzufahren und nutzte, wenn vorhanden, die 'park and ride'-Parkplätze am Stadtrand. Das war sicher im allgemeinen Interesse die beste Lösung. Der Nahverkehr wurde genutzt. Die Feinstaubbelastung in den Städten wurde nicht erhöht.
Heutzutage hat jedes Auto ein 'Navi'. Und alle stürzen sich bedenkenlos in die größten Städte mit dem kompliziertesten Straßennetz. Das 'Navi' ist also Schuld, dass die 'park and ride'-Parkplätze an den Rändern der große Städte verwildern und mehrheitlich als Mülldeponien umgenutzt werden. Die Feinstaubkonzentration in den Innenstädten steigt. Der Nahverkehr muss die Preise erhöhen. Nicht zu vergessen - die Dauerstaus!
Das 'Navi' ist also eindeutig ein großer Umweltschädling!
Aber das ist noch nicht alles! Der Mensch verliert durch das 'Navi' den letzten Rest von geografischem Bewusstsein. Es gibt Menschen, die geben, wenn sie in Urlaub fahren, das Urlaubsziel - also beispielsweise 'Gardasee' - ein und fragen sich bei der Überquerung der Alpen, was das denn für hohe Berge sind. Aber es beginnt schon im Kleinen, wie ich selbstkritisch auch für mich zutreffend, zugeben muss. Und es ist aber auch zugegebenermaßen echt bequem, wenn man eine mehr oder weniger dienstliche Fahrt nach Bernspumpel zu absolvieren hat, und wahrhaftig nur geografisch anspruchsloses Gelände zu durchqueren ist. Warum soll man sich mit Fahrtroutensuche abquälen, wenn es eh pfeifegal ist, wo man langfährt. Ob über Schnappeldorf oder über Unterpökelbach... - egal!
Mit dieser Einstellung bin ich aber in letzter Zeit mehrfach zu einer Art von 'Geisterfahrer' geworden. Die letzte dieser Geisterfahrten verlief - grob angedeutet ungefähr so: Start mit Eingabe des Fahrtzieles ins 'Navi'. Gewählte Routeneinstellungen - schnellste Strecke, Autobahn meiden 'aus'!
Als ich gerade gestartet war, hörte ich eine Verkehrsmeldung über einen Stau auf irgendeiner Autobahn der Region. Ob das für mich interessant war, konnte ich nicht einordnen, weil ich nicht wusste, welche Route das Navi für mich auswählen würde. Als dann die Autobahnauffahrt kam und ich den Aufforderungen der Navi-Tussi vorsichtshalber nicht Folge leistete, begann die Geisterfahrt. Zuerst versuchte mich die Navi-Tussi ungefähr sieben Mal zum Wenden zu bewegen, um mich zur Autobahnauffahrt zu führen. Ich blieb solange stur, bis sie klein beigab. Ich sollte der Straße nun vier Kilometer folgen. Es war eine schöne, sehr neue Straße, deren Verlauf sich auf dem Navi-Bildschirm bald im Niemandsland verlief. Wir, also die Navis-Tussi und ich, hielten beide eine ganze Weile den Atem an, ob wir denn irgendwann wieder digitalisiertes Gebiet erreichen würden. Als es dann soweit war, erhielt ich die Anweisung, der Straße weiter zu folgen. In der nächsten Ortschaft ging das aber nicht mehr, weil eine Umleitung mich zu Abbiegen zwang. Nun wieder das Theater mit dem Wenden. Einige Male versuchte sie auch, mich in irgendwelche Siedlungs- und Feldwege zu lotsen, wo ich dann zwei- oder dreimal hätte links abbiegen müssen, um endlich wieder vor dem Sperrschild mit dem Umleitungshinweis zu stehen. Den Gefallen tat ich ihr nicht. Ich fuhr die ausgeschilderte Umleitung. Ob der Ort, zu dem die Umleitung führte, etwas mit meiner Route und meinem Zielort zu tun hatte, konnte ich nicht einschätzen. Am Ende der Umleitung gelang es der Navi-Tussi mit einer Neuberechnung sich neu zu orientieren und gab entsprechende Anweisungen, die mir aber sinnlos erschienen. Ich war der Meinung, dass mein Ziel westlich liegen müsse, nachdem wir eine weitere Umleitungsstrecke absolviert hatten. Die Navi-Tussi ging mir auf die Nerven. Ich zog die Reißleine!
Nachdem ich das Navi außer Gefecht gesetzt hatte, angelte ich mir den Autoatlas hervor. Und siehe - ich war nur knapp am Ziel vorbeigeschossen und musste lediglich zurück zu einer Autobahnauffahrt in entgegengesetzter Richtung, von wo ich dann nach der zweiten Ausfahrt schon fast am Ziel war. Zur Ehrenrettung der Navi-Tussi muss ich aber sagen, dass sie zu keinem Zeitpunkt die Nerven verlor und mich nicht beschimpfte, was meine Gudste mit Vehemenz und hoher Sicherheit getan hätte.
Eduard Sachsenmeyer

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