Navi-Tussi
Wenn ich vor Jahren,
als ich noch kein 'Navi' hatte, mit dem Auto irgendwohin fahren wollte, habe
ich vorher in den Straßenatlas geschaut und habe mir eingeprägt, wie ich fahren
musste, um ans Ziel zu kommen. Bei komplizierten Strecken notierte ich mir die
Strecke stichpunktartig. Kompliziert
wurde es dann eigentlich immer erst am Schluss, wenn es darum ging, die
richtige Straße in dem fremden Ort zu finden. Je größer der Ort, desto
schwieriger!
Natürlich konnte man
sich über die speziellen Stadtpläne genau informieren, wie man fahren könnte, aber
wenn man alleine unterwegs war und gleichzeitig mit dem Stadtplan kämpfen
musste, stieg die Unfallgefahr um
mindestens 300 Prozent auf der nach oben offenen Auffahr-Skala.
Wenn ich mit meiner
Gudsten als Beifahrer unterwegs war, wurde es aber nicht besser. Zwar konnte
sie den Stadtplan mit beiden Händen halten und mit langen Blicken
hineinschauen, da sie ja nicht lenken musste, aber wenn eben nicht mehr
herauskam, als solche Erkenntnisse wie - "Du hättest, glaube ich, an der
vorigen Ampel nach links gemusst." - oder - "Jetzt sind wir entgegen
der Einbahnstraße." - dann war das wenig hilfreich.
In der Konsequenz
dieser Problematik vermied ich es möglichst, in fremde Städte hineinzufahren
und nutzte, wenn vorhanden, die 'park and ride'-Parkplätze am Stadtrand. Das
war sicher im allgemeinen Interesse die beste Lösung. Der Nahverkehr wurde
genutzt. Die Feinstaubbelastung in den Städten wurde nicht erhöht.
Heutzutage hat jedes
Auto ein 'Navi'. Und alle stürzen sich bedenkenlos in die größten Städte mit
dem kompliziertesten Straßennetz. Das 'Navi' ist also Schuld, dass die 'park
and ride'-Parkplätze an den Rändern der große Städte verwildern und
mehrheitlich als Mülldeponien umgenutzt werden. Die Feinstaubkonzentration in
den Innenstädten steigt. Der Nahverkehr muss die Preise erhöhen. Nicht zu
vergessen - die Dauerstaus!
Das 'Navi' ist also
eindeutig ein großer Umweltschädling!
Aber das ist noch nicht
alles! Der Mensch verliert durch das 'Navi' den letzten Rest von geografischem
Bewusstsein. Es gibt Menschen, die geben, wenn sie in Urlaub fahren, das
Urlaubsziel - also beispielsweise 'Gardasee' - ein und fragen sich bei der
Überquerung der Alpen, was das denn für hohe Berge sind. Aber es beginnt schon
im Kleinen, wie ich selbstkritisch auch für mich zutreffend, zugeben muss. Und
es ist aber auch zugegebenermaßen echt bequem, wenn man eine mehr oder weniger
dienstliche Fahrt nach Bernspumpel zu absolvieren hat, und wahrhaftig nur
geografisch anspruchsloses Gelände zu durchqueren ist. Warum soll man sich mit
Fahrtroutensuche abquälen, wenn es eh pfeifegal ist, wo man langfährt. Ob über
Schnappeldorf oder über Unterpökelbach... - egal!
Mit dieser Einstellung
bin ich aber in letzter Zeit mehrfach zu einer Art von 'Geisterfahrer'
geworden. Die letzte dieser Geisterfahrten verlief - grob angedeutet ungefähr
so: Start mit Eingabe des Fahrtzieles ins 'Navi'. Gewählte Routeneinstellungen
- schnellste Strecke, Autobahn meiden 'aus'!
Als ich gerade
gestartet war, hörte ich eine Verkehrsmeldung über einen Stau auf irgendeiner
Autobahn der Region. Ob das für mich interessant war, konnte ich nicht
einordnen, weil ich nicht wusste, welche Route das Navi für mich auswählen
würde. Als dann die Autobahnauffahrt kam und ich den Aufforderungen der
Navi-Tussi vorsichtshalber nicht Folge leistete, begann die Geisterfahrt.
Zuerst versuchte mich die Navi-Tussi ungefähr sieben Mal zum Wenden zu bewegen,
um mich zur Autobahnauffahrt zu führen. Ich blieb solange stur, bis sie klein
beigab. Ich sollte der Straße nun vier Kilometer folgen. Es war eine schöne,
sehr neue Straße, deren Verlauf sich auf dem Navi-Bildschirm bald im
Niemandsland verlief. Wir, also die Navis-Tussi und ich, hielten beide eine
ganze Weile den Atem an, ob wir denn irgendwann wieder digitalisiertes Gebiet
erreichen würden. Als es dann soweit war, erhielt ich die Anweisung, der Straße
weiter zu folgen. In der nächsten Ortschaft ging das aber nicht mehr, weil eine
Umleitung mich zu Abbiegen zwang. Nun wieder das Theater mit dem Wenden. Einige
Male versuchte sie auch, mich in irgendwelche Siedlungs- und Feldwege zu
lotsen, wo ich dann zwei- oder dreimal hätte links abbiegen müssen, um endlich
wieder vor dem Sperrschild mit dem Umleitungshinweis zu stehen. Den Gefallen
tat ich ihr nicht. Ich fuhr die ausgeschilderte Umleitung. Ob der Ort, zu dem
die Umleitung führte, etwas mit meiner Route und meinem Zielort zu tun hatte,
konnte ich nicht einschätzen. Am Ende der Umleitung gelang es der Navi-Tussi
mit einer Neuberechnung sich neu zu orientieren und gab entsprechende
Anweisungen, die mir aber sinnlos erschienen. Ich war der Meinung, dass mein
Ziel westlich liegen müsse, nachdem wir eine weitere Umleitungsstrecke
absolviert hatten. Die Navi-Tussi ging mir auf die Nerven. Ich zog die
Reißleine!
Nachdem ich das Navi
außer Gefecht gesetzt hatte, angelte ich mir den Autoatlas hervor. Und siehe -
ich war nur knapp am Ziel vorbeigeschossen und musste lediglich zurück zu einer
Autobahnauffahrt in entgegengesetzter Richtung, von wo ich dann nach der
zweiten Ausfahrt schon fast am Ziel war. Zur Ehrenrettung der Navi-Tussi muss
ich aber sagen, dass sie zu keinem Zeitpunkt die Nerven verlor und mich nicht
beschimpfte, was meine Gudste mit Vehemenz und hoher Sicherheit getan hätte.
Eduard Sachsenmeyer

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